Die Höllentalbahn

Mit der Lokalbahn zur Raxseilbahn

Zwischen Rax und Schneeberg, nur eine Stunde von Wien entfernt und unmittelbar am Weltkulturerbe der Semmeringbahn gelegen, ladet eine elektrische Museumseisenbahn zum Besuch ein. Sie wird seit genau 45 Jahren von einem Verein erhalten. Die „Höllentalbahn“ hat technisch und landschaftlich einiges zu bieten.

E-LokE1-c-oGLB-F
Triebwagen-TW1-c-oGLB-A-Michlmayr
Gleisbau-Fnf-Kilometer-Strecke-c-oGLB-A-Malli
UmformerReichenau-c-oGLB-A-Michlmayr

Sanft setzt sich der elegante Triebwagen in Bewegung. Getrieben von elektrischem Strom, zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch als „Zauberkraft“ abgetan, bloß weil sich kein Pferd und keine Dampfmaschine vor den Zug spannte. Man sitzt auf edlen Eschenholzbänken, und die großen Fenster mit Messingbeschlägen geben den Blick auf eine unberührte Natur frei. Es scheint, als ob ein Regisseur innerhalb von Sekunden die Szenerie wechselt: Einmal ein Damm mit einer Brücke, dann ein Tal mit Bauernhaus und weidenden Kühen, dann taucht man in den Wald ein und kurz darauf blickt man von hoch oben auf die Hausdächer von Reichenau. Irgendwann vergisst man die Zeit… Wir könnten genauso gut das Jahr 1926 schreiben.

Seit diesem Jahr nämlich, verbindet die schmalspurige „Höllentalbahn“ Payerbach an der Südbahn mit Reichenau und Hirschwang, Ausgangspunkt der ältesten Seilschwebebahn Österreichs auf das Raxmassiv. Auf der für Österreich und die Kronländer typischen Spurweite von nur 760 Millimeter fuhren damals geräumige elektrische Trieb- und Beiwagen und beförderten tausende Schüler, Arbeiter, Wanderer und Sommerfrischler von der Südbahn in das romantische Tal. Eine große Kartonfabrik in Hirschwang wurde mit Güterzügen bedient, deren Lokomotiven ursprünglich vom Bau des Karawankentunnels stammen und mit Baujahr 1903 zu den ältesten Schmalspurloks Europas zählen. Ihr dachförmiger Aufbau brachte ihnen den Spitznamen „fahrendes Gartenhaus“ ein, sie sind heute das Markenzeichen der Bahn.

Güterverkehr gibt es allerdings seit 25 Jahren keinen mehr. In der allgemeinen Automobil-Euphorie der 60er Jahre scheint es nicht verwunderlich, dass auch die kleine Lokalbahn daran glauben musste - 1963 fuhr der letzte Personenzug. Aber seit 1977 bemüht sich ein Verein von ehrenamtlichen Enthusiasten, dieses Kleinod am Leben zu erhalten., am 10.Juli wurde das 45-jährige Vereinsjubiläum an Ort und Stelle gefeiert. Es verkehrten neben den Planzügen auch Güterzüge wie früher, sehr zur Freude der Eisenbahnfotografen.

In ihrer Freizeit pflegen die ehrenamtlichen Mitglieder die Gleisanlagen, reparieren die Oberleitung, setzen die historischen Fahrzeuge instand und renovieren die Gebäude. Und selbstverständlich schlüpfen diese Leute in den Sommermonaten an Sonn- und Feiertagen in ihre Uniformen und führen den Betrieb, wie anno 1926. „Unmöglich das zu schaffen“ denkt man angesichts des kleinen Haufens von Lokalbahn-Begeisterten – es genügen beide Hände um ihn abzuzählen – aber der Erfolg ist ihr Lohn und Ansporn zugleich.

Reichenau war Sommerfrische für viele Literaten, Schauspieler und Kunstschaffende, auch Kaiser Karl hatte hier seinen Sommersitz. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein: Villen im typischen Baustil dieser Gegend reihen sich um Spazierwege, Parkanlagen und ruhigen Plätzchen zum Verweilen. Beinahe allgegenwärtig ist der Schwarzafluß mit seinem beruhigenden Plätschern. Es gibt hier sogar ein Theater, das durch die Sommerfestspiele mit Burgtheater-Stars Berühmtheit erlangt hat.

Der Bahnhof Reichenau liegt ziemlich genau in Streckenmitte und beherbergt das elektrische Unterwerk zur Stromversorgung der Bahn. 600 Volt Gleichspannung kommen eben nicht einfach aus der Steckdose, daher wird hier aus Wechselstrom der Bahnstrom umgeformt. Die dazu notwendigen technischen Einrichtungen sind alle noch original erhalten, an Tagen mit Bahnbetrieb finden auch Führungen statt. Bei der Gelegenheit wird auch der rotierende Umformersatz in Betrieb genommen - ein eindrucksvolles Erlebnis.

Ebenso Führungen gibt es auch durch die Remise und Werkstätte, einer großen, über 100 Jahre alten Halle in Hirschwang. Hier bekommt man einen Eindruck von der Arbeit, die hinter den Kulissen nötig ist, um so eine Bahn zu erhalten und zu betreiben.

Schon 1963 wurde der reguläre Personenverkehr auf der Höllentalbahn eingestellt, der Güterverkehr zur Papierfabrik in Hirschwang blieb bis 1982 aufrecht; aber schon 1977 gründeten einige Unermüdliche den Verein „Österreichische Gesellschaft für Lokalbahnen“, um diese Bahn am Leben zu erhalten. Ihnen ist es gelungen, die Originalfahrzeuge zurück ins Tal zu bringen und einen Triebwagen mustergültig zu restaurieren.

Der RAILBlog wurde zur Verfügung gestellt von Bakk.phil. Albert Mall Logo Höllentalbahn

Die „Lokalbahn Payerbach – Hirschwang“ wurde 1926 als Zubringer zur Raxseilbahn eröffnet. Die reizvolle elektrische Schmalspurbahn ist 5 km lang und nimmt ihren Ausgang beim Bahnhof Payerbach-Reichenau der Südbahn, gleichzeitig Beginn der weltberühmten Semmeringbahn. Nach Einstellung des Personenverkehrs im Jahr 1963 wird die Bahn von ehrenamtlichen Mitarbeitern des Vereins ÖGLB erhalten und betrieben. Besonderheiten sind die älteste betriebsfähige Schmalspur-E-Lok Europas (Baujahr 1903), sowie die originale Lokalbahn-Garnitur, bestehend aus elektrischem Trieb- und Beiwagen aus 1926.

Betrieb 2022: Von 26. 6. bis 26. 10.2022 ganztägig laut Fahrplan an jedem Sonn- und Feiertag.  Anfragen

Die Österreichische Gesellschaft für Lokalbahnen (ÖGLB) ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung und Erhaltung von schmalspurigen Lokalbahnen, insbesondere in Niederösterreich, im Interesse des kulturellen Erbes, des regionalen Tourismus, des Landschaftsschutzes und der österreichischen Geschichte. Der Verein wurde 1977 mit dem Ziel gegründet, die historische Substanz von Eisenbahnfahrzeugen, Bahnanlagen und Bahnbauwerken zu erhalten und zu präsentieren. All dies wird durch wenige ehrenamtliche Mitarbeiter in deren Freizeit bewerkstelligt.

Foto (groß) Titelbild_TW: © Manfred Wachutka: Malerisch am Fuße der Rax gelegen – die Höllentalbahn. Triebwagen 1 und Beiwagen 12 erreichen in Kürze den Bahnhof Reichenau in Streckenmitte.

Foto E-Lok_E1: © ÖGLB/F. Die E-Lok E1 hat mit ihrem Personenzug vor wenigen Augenblicken den Bahnhof Payerbach Lokalbahn verlassen und wendet sich nun von der im Hintergrund sichtbaren Semmeringbahn in Richtung Reichenau ab.

Foto Umformer_Reichenau: © ÖGLB/A. Michlmayr: Die beiden mächtigen Umformersätze im Bahnhof Reichenau stammen aus der Eröffnungszeit der Bahn und können bei Führungen regelmäßig in Betrieb erlebt werden.

Foto Gleisbau: © ÖGLB/A. Malli: Fünf Kilometer Strecke samt Fahrzeuge und Gebäude werden von einer kleinen Gruppe Ehrenamtlicher erhalten und betrieben – der Gleisbau ist auch ein Teil davon.

Foto TW_Steinhofgraben: © ÖGLB/A. Michlmayr: Triebwagen TW1 durchquert auf seiner Fahrt nach Payerbach gerade den Steinhofgraben und ermöglicht herrliche Ausblicke auf das Rax-Schneebergmassiv.