Die Erinnerung an eine Reise von Knittelfeld nach Wien

Ein Besuch im SÜDBAHN Museum löste schon bei vielen Besuchern Emotionen und Erinnerungen aus. Wir - das Museumsteam - sind dankbar wenn unsere Besucher diese mit uns teilen. So auch am 24. Juni 2022...

Die damals vierjährige Silvia Zenta erinnert sich noch heute an einen Familienausflug zu ihren Großeltern nach Wien im Jahre 1951.

Eine Bahnfahrt im Nachkriegs Österreich

Österreich war nach dem Zweiten Weltkrieg von 1945 bis 1955 von Streitkräften der Alliierten besetzt. Die Besatzungszonen und die gemeinsame Verwaltung der Stadt Wien wurden im Abkommen über die Alliierte Kontrolle vom 4. Juli 1945 und im Abkommen der Alliierten über die Besatzungszonen vom 9. Juli 1945 festgelegt. Die Steiermark (ohne dem Steirischen Salzkammergut) stand unter britischer Besatzung. Niederösterreich unter Sowjetischer.

Dementsprechend war das Reisen in dieser Zeit erschwert. Vor allem wenn man aus der englischen in die sowjetische Besatzungszone wollte.

„…Wahrscheinlich war das Repertoire an Spielen ausgereizt, hatten wir doch schon zunächst das Murtal und nun auch bereits das Mürztal durchfahren. So war meine Mama auf die Idee gekommen, mein Interesse auf besondere Weise zu wecken, um nur ja keine Langeweile bei mir aufkommen zu lassen. Denn dies hätte unweigerlich meine lästige Seite hervorgerufen, stand ja noch gut eineinhalb Stunden Zugfahrt bevor. Mit dem Vorzeigen ihres Identitätsausweises versuchte sie vielleicht mein intellektuelles Interesse zu wecken; Gefahr schien von dieser Beschäftigungsstrategie nicht auszugehen. Einige Zeit hielt mich der kleine, gefaltete, schon etwas lappige Papierfalter mit dem Schwarz-Weiß-Foto meiner Mama in Schach, bis in meinem Kopfe jene Idee aufkeimte, die dem Spiel eine krisenhafte Wende geben sollte.

Jedenfalls überstürzten sich die Ereignisse und niemand konnte meiner affenartigen Fingerfertigkeit etwas entgegensetzten. Welche phantasievolle Choreografie mich dazu bewog, das lebenswichtige Dokument in den Schlitz zwischen Fenster und Waggonverkleidung zu versenken, konnte niemand unserer Mitreisenden durch nun einsetzendes aufgeregtes Befragen herausbringen. Mama und ich saßen also tief in der Patsche und unsere Reise schien am Semmering ein düsteres Ende zu nehmen.

Mindestens würden wir aus dem Zug bugsiert werden, vielleicht sogar verhaftet und irgendwohin verschleppt, oder meine Mama müsste den Boden des Bahnhofsgebäudes schrubben - all das irrte ihr durch den Kopf, während sie verzweifelt versuchte, den Ausweis aus der Versenkung zu holen. Heute noch erinnert eine Kerbe in ihrem goldenen Armreifen an dieses Abenteuer. Zuerst versuchte man gemeinschaftlich mit einem eifrig angebotenen Taschenmesser den gerade noch sichtbaren Ausweis herauszukitzeln, mit dem erschreckenden Ergebnis, dass sich das Papier nur noch weiter in die Waggonwand verkroch. Währenddessen dampfte der Zug unerbittlich dem langen Semmeringtunnel entgegen und damit auch der unentrinnbaren Gewissheit, ohne Ausweispapiere "den Russen in die Hände zu fallen". Inzwischen hatten sich die in unserem Abteil Mitreisenden eine Verteidigungsstrategie für mich und meine Mama zurecht gelegt, alle würden bestätigen, dass wir einen Ausweis besessen hätten, ja alle hätten ihn gesehen und könnten sogar dessen Gültigkeit bestätigen usw., usw.

Schon tauchte am Ende des langen Tunnels das Tageslicht auf und schnaufend und quietschend blieb der lange Zug im Bahnhof Semmering stehen. Eine Reihe von Soldaten kam langsam auf den Zug zu, um sich auf die einzelnen Waggons zu verteilen. Der Augenblick war gekommen. Alle meine vier Jahre starrten also dem russischen Soldaten entgegen, der nun unser Abteil betrat und somit unser Schicksal in seinen Händen hatte. Aber manchmal kommt es anders, als man denkt. Was ich nämlich sah, passte gar nicht zu den gängigen Schilderungen. Nicht viel älter als einer der großen Nachbarsbuben aus dem Knittelfelder Hof, hatte er ein freundliches, helles Gesicht, in dem ich keinen Bart entdecken konnte. Ich fühlte von ihm keine Gefahr ausgehen. Aber noch war nicht Entspannung angesagt und meine Schandtat musste plausibel dargelegt werden. Langsam begann sich die Aufregung zu lösen, als sich allgemein herausstellte, dass eine friedliche Gesinnung in der Luft lag. Formulare wurden ausgefüllt, Mama wurde versichert, die Identitätskarte werde in Wien herausgefischt und wenn dann alles passen würde, stünde einer planmäßigen Heimfahrt nach Knittelfeld nichts mehr im Wege. Abschließend streichelte er mir über Haare und Gesicht. Wahrscheinlich hat er Sehnsucht nach daheim gehabt.“

Auszug aus Dr. Silvia Zenta „Eine Griechische Orange“, JBL Literaturverlag Verlag, 2010